Fast-Schon-Fertig-Syndrom in der Praxis
Neulich um halb 10 in Deutschland:
Die Projektleitung hat zum wöchentlichen Teilprojektleiter-Meeting eingeladen. Jeder Teilprojektleiter soll den aktuellen Status seiner Teilprojekte vermelden und gleichzeitig über die abgeschlossenen und die in bälde anstehenden Teilprojekte kurz berichten.
Als ich an der Reihe bin, stelle ich den Status eines meiner Teilprojekte vor:
- Verbrannte Zeit: 35% des ursprünglichen geschätzten Aufwandes
- gefühlter Projektstatus: 25% der zu erledigenden Arbeiten fertig
Nun bremst mich die Projektleitung und fragt: “Warum melden Sie dann nicht rot? Offensichtlich schaffen Sie die restlichen Arbeiten (75%) nicht in der noch verbleibenden Zeit (65%).” Worauf ich antworte: “Ich melde grün, denn die restlichen Arbeiten können verhältnismäßig schneller als die bisherigen erledigt werden. Sollte sich das Verhätnis bis nächste Woche nicht ändern, bin ich bereit gelb oder sogar rot zu melden.”
Nun hatte ich mich während ich dies aussprach gedanklich schon auf eine Diskussion vorbereitet (Schätzung, Gewichtung, aufwendige und weniger aufwendige Arbeitspakete, gewonnene Erfahrung, etc.) als plötzlich ein Mitglied der Projektleitung sagt: “Aus meiner langjährigen Erfahrung im Projektmanagement hatte ich eher ein umgekehrtes Verhältnis erwartet – so etwas wie 70% der Arbeiten in 30% der Zeit erledigt. Und dann benötigt man für die kleinen Restarbeiten entsprechend den Rest der verbleibenden langen Zeit. Das machen doch alle Entwickler so. Also bitte: ich erwarte beim nächsten Mal solche Zahlen.”
… dazu konnte ich nichts mehr sagen.
Jetzt – mit zeitlich und räumlich mehr Abstand … fällt mir dazu noch immer nichts ein. Mir war wohl bisher nicht klar, wie einfach doch Aufwands- und Sachfortschrittskontrolle sein können…
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